Joël Bartoloméo „Le chat qui dort“

About Love

„Alle, die Katzen oder Hunde lieben, sind Dummköpfe“, schreiben Gilles Deleuze und Felix Guattari in ihrer Studie Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus. Die beiden wollen damit vor allem der gängigen Trennung von Katzen und Hunden widersprechen, die zum Beispiel behauptet, Katzen seien viel eigensinniger und damit ungebundener als Hunde. Haustiere, so Deleuze/Guattari, seien nie ungebunden. Sie werden immer in Abhängigkeit von ihren Besitzern gehalten, sexuell von ihren Artgenossen isoliert und bleiben am Tropf der wohltätigen Nahrungsgabe ihrer Besitzer hängen. Schon deshalb seien Haustiere immer gezwungen sich den Launen und Maßgaben ihrer Besitzer anzupassen. In den Haustieren spiegelt sich sozusagen der Narzissmus ihrer Besitzer.
Der Fotofilm – Lenin mit Katze setzt diese Diagnose unfreiwillig ins Bild. 1975 von Joachim Hellwig in der DDR montiert und mit einem Text von Günter Kunert versehen, changieren Bilder und Text zwischen Geburt, Hunger, Armut, Bibelzitaten und einer Hymne auf die Art, wie Lenin eine Katze hält und nicht etwa einen Hund. Hunde, sagt der Film damit auch, streicheln immer nur die anderen, nicht so gute Leute wie Lenin. Und die Katze lässt es mit sich geschehen, denn sie weiß ja, dass sie ohne Lenin nichts zu futtern bekommt. Und dieses Schicksal teilt sie mit allen Haustieren.
Der Chihuahua, der in den Chevrolet Leader News als Galionsfigur vorne auf dem Auto freudig durch die Gegend fährt, ist genauso in die Menschenwelt hineingewachsen wie die Katze der schwedischen Performance Künstlerin Joanna Rytel in ihrer Arbeit Then I’ll Take Your Cat. Rytel belässt es in ihrem Film nicht wie Lenin beim freundlichen Streicheln ihrer Katze. Sie küsst das Tier intensiv im Zungenspiel. Ein Tabubruch, der aber merkwürdigerweise nichts Abstoßendes hat. Vielleicht liegt es daran, dass die Katze genau registriert, mit wem sie es zu tun hat. Abgeschnitten von einer rein tierischen Sexualität bleiben Hunde wie Katzen eben auf die Liebe ihrer menschlichen Besitzer angewiesen. Wo die hinführen kann, das wird in Vladimir Tyulkins About Love als Desaster in einem Haushalt einer tierliebenden Frau dokumentiert. Ihr Haus wird von einem Gewimmel von Tieren besiedelt, die unter der Liebe der Frau in der Menge so hilflos zu werden scheinen, dass sie nur noch eine Idee haben: immer mehr werden zu wollen. Das Haustier bleibt in den vielen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Menschen und Tieren das abhängigste Tier. In seiner Abhängigkeit entwickelt es dennoch Fähigkeiten, mit denen es manchmal selbst seine ärgsten Widersacher zu überzeugen vermag. Der späte Gilles Deleuze hat in einem Interview davon erzählt. Nachdem seine Tochter eines Tages ein kleines Kätzchen mit nach Haus gebracht hatte, musste auch er mit Katzen leben, und so schloss er im Gespräch: „Nun ja, es ging und war halb so schlimm.“

Pancia – Frauchen – Mistress

Iwona Siekierzynska, PL 1995, 15 min

Eine 13-Jährige lebt in enger Verbundenheit mit ihrem Schäferhund bei ihren Eltern. Sie verliebt sich in einen Priester und versucht, ihm ihre Liebe zu gestehen. Diese doppelt unmögliche, letztlich sprachlose Liebe spiegelt sich in ihren Erziehungsversuchen gegenüber dem Hund – wohingegen die Eltern schon völlig aus ihrer Welt ausgeschlossen scheinen. 

Chevrolet Leader News (Vol. 1, No. 3): Grand Rapids Michigan

The Jam Handy Organization, USA 1935, 2 min

Der Autohersteller gab in den 1930er Jahren eine Art Werbe-Wochenschau heraus, bei der meistens Chevrolets in irgendeiner Form zu sehen waren. Hier wird ein Chihuahua zur lebenden Kühlerfigur.

Vierbeinige Weltraumfahrer

N. Tichonow, UdSSR 1959, 22 min; Archiv: Bundesfilmarchiv

Mit dem Start des Sputnik 1957 gelang der Sowjetunion im Wettlauf der Systeme ein Überraschungserfolg, der den Westen und besonders die Vereinigten Staaten von Amerika in eine veritable Krise stürzten. Der Sozialismus schien, zumindest auf der wissenschaftlichen Ebene, einen deutlichen Vorsprung zu haben. Mit einem weiteren, größeren Satelliten wurde im selben Jahr die Hündin Laika als erstes Säugetier ins All geschossen. Die Faszination der Welt kehrte sich schnell um, als herauskam, dass für Laika keine Rückkehr geplant war (ihr genaues Schicksal wurde erst 2002 bekannt gegeben). Ab da waren beide Seiten gezwungen, die Betreuung ihrer tierischen Versuchskosmonauten zu einem wesentlichen Bestandteil der Propaganda zu machen. Vierbeinige Weltraumfahrer zeigt die wissenschaftlichen Laboratorien der Hunde in offensichtlich gestellten Bildern, die in ihrer naiven Einfachheit an frühe Science-Fiction Filme erinnern. Der Film wurde von der DEFA für die ostdeutschen Kinos synchronisiert.

Pro lyubov / About Love

Vladimir Tyulkin, Kazakhstan 2005, 26 min

Die Kasachin Nina Vasilyevna kümmert sich um Tiere. Ihre Geschichte wird eingerahmt von einem Chor bellender Hunde, denen es tatsächlich gelingt, in der entmutigten Frau Liebe und Mitgefühl zu wecken. 50 bis 120 verwahrloste Hunde bringen nämlich nichts ein und Nina muss mit 40 Dollar im Monat auskommen.

Fotofilm

Joachim Hellwig, DDR 1975, 3 min; Vertrieb Progress Film-Verleih

Ein kurzer Essay aus Fotografien über Armut und Unrecht in der Welt, der mit einem Bild Lenins endet, in dem er eine Katze hält. Die berühmte Katzenliebe Lenins wurde gerne als Argument dafür genommen, dass er eben doch kein Diktator gewesen sei, da Katzen sich dem autoritären Willen des Menschen einfach entziehen – im Gegensatz etwa zu Hitlers Schäferhund. Das Gedicht über Lenin mit der Katze stammt von Günter Kunert.

Le Chat qui dort – The Sleeping Cat

Joël Bartoloméo, FR 1992, 4 min

Joël Bartoloméo definiert sein Werk als Negativ-Selbstporträt. In der ersten Zeit, von 1991 bis 1995, filmt er die Beziehung zu seiner Frau sowie die Taten und Untaten seiner Kinder. Alles in kurzen Sequenzen, die aufgrund ihrer Form an Familienfilme erinnern. Dennoch sind es Anti-Familienfilme, in denen es vor allem um emotionale Beziehungen und Machtspiele geht. 

Then I’ll Take Your Cat – Part One

Joanna Rytel, SE 2002, 8 min

Meine Arbeit lässt sich in drei Hauptbereiche unterteilen. Zum einen interessiert mich das Verhältnis zwischen Tieren und Menschen. Ich habe Performances für Tiere durchgeführt und ihre Reaktionen gefilmt. In Then I´ll Take Your Cat – Part One küsse ich eine Katze, im zweiten Teil masturbiere ich vor einer Katze.
In beiden Arbeiten interessiert mich die Reaktion der Tiere auf menschliches Verhalten. (Joanna Rytel)
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