Lange Nacht der Affen

Primaten waren im Film früh auch ein Spiegel der Forschung. 1925 veröffentlichte der Psychologe Robert Yerkes, einer der Pioniere der Primatologie, seine Erfahrungen mit zwei in Boston von einem Seemann erworbenen Schimpansen unter dem Titel Almost Human. Die Organsition wilder Affenverbände, fand Yerkes, sei dominiert von motorisch aktiven Männchen, die das Terrain für passive Weibchen sichern. Ein Gorilla namens King Kong verkörperte diese nicht zivilisierte, ursprüngliche männliche Kraft in einem Kinokassenerfolg von 1933. Ein Jahr vor King Kong und die weiße Frau war der Bericht einer Studie über das Verhalten von Gorillas im Dschungel erschienen, der damit endete, dass der Wissenschaftler einen Gorilla-Silberrücken erschoss, als der auf die Frau des Forschers zurannte. King Kong erzählt also nicht nur eine der Phantasie Hollywoods entsprungene Geschichte. Der Film reichert seinen Stoff mit aus der Wissenschaft entlehnten Bildern an.
Dass 1968 der Film Planet der Affen im Zusammenhang mit Problemen der menschlichen Gesellschaft gesehen werden konnte, lag auch daran, dass die Wissenschaftler Affen mit immer konkreteren Fragen der amerikanischen Menschheit konfrontierten.
Als Harry F. Harlow, zeitweilig in leitender Position psychologischer Berater der US-Army, seine Deprivationsversuche an Rhesusaffen begann, war er auf der Suche nach einem Primatenmodell für Kriegspsychosen und Depressionen, den in Amerika selbst im kleinsten Dorf nicht zu übersehenden Folgen von Welt- und Koreakrieg.
Etwa zeitgleich mit Harlow hatte an der University of Chicago der an klassisch morphologischen Methoden der Primatenanatomie ausgebildete physische Anthropologe Sherwood Washburn begonnen, Vorlesungen zur frühen Hominidenevolution zu halten. Als dezidierter Gegner rassischer Klassifikationen und Hierarchisierungen führte er den Populationsbegriff in die Anthropologie ein. Washburn begründete seine Forschungsanträge mit der Bedeutung der Studien für die menschliche Psychologie und Psychiatrie. Die an indischen Languren und afrikanischen Pavianen gewonnenen Ergebnisse führten dabei häufig zu konträren Einsichten und mussten nicht selten die vergleichende Perspektive zum Menschen aufgeben.
Washburn und seine Schülerinnen verfassten immer auch Populärversionen ihrer Arbeiten, wirkten an Lehrplänen von Schulen mit oder drehten selber Lehrfilme. Es gab Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre kaum einen gesellschaftlichen Diskurs, in dem nicht Vergleiche zu nichtmenschlichen Primaten oder Argumente aus Studien an ihnen eine Rolle spielten. Egal ob es dabei um Krieg, Vorstadtkriminalität, alleingelassene Mütter, Streiks, Ehescheidung, Prostitution, die Überwachung schwarzer Rädelsführer durch Telemetrie oder die Gleichstellung der Frau ging. Dass gerade in dieser Situation, also 1968, „Apes“ – Menschenaffen – zu einer Metapher wurden, die diese Sprengladungen aufnehmen konnte, lag auch an der National Geographic Society. Die Zeitschrift National Geographic hatte die ersten reich bebilderten Reportagen einer jungen Engländerin veröffentlicht, die nur mit ihrer Mutter und einem Koch in den Urwald gezogen war, um Schimpansen zu studieren. Jane Goodall war dabei weder entführt noch getötet worden und verkehrte das traditionelle Frauenbild.
1968 war auch das Jahr, in dem der Schweizer Primatologe Hans Kummer den Dokumentarfilm die Anpassung eines Anubis-Weibchens an das Haremssystem der Mantelpaviane veröffentlichte. Der Film zeigt ein Experiment an freilebenden Paviangruppen in Äthiopien und ist als Lehrfilm für ein universitäres Fachpublikum gedacht. Also so etwas wie der Import des Wilden ins Zivilisierte. Eine Arbeit, die Luis Nieto mit seinem Film Capucine fortschreibt. Der Film von 2009 erzählt von der Arbeit mit verschiedenen Affen in einem Labor japanischer Primatologen. Die Affen haben großzügige Freigehege und können hervorragend mit Computern und Filmkameras umgehen. Von da aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zum ersten von einem Affen gedrehten Film.

Capucine

Luis Nieto, FR 2009, 32 min

Eine Reise nach Japan zu Capucine, einem besonders talentierten Kapuzineraffen, der bei dem Primatenforscher Hirokazu Shibuya die Filmsprache erlernt.

Anpassung eines Anubis-Weibchens an das Haremssystem der Mantelpaviane (Freilandexperimente)

Hans Kummer & Walter Götz & Walter Angst, DE 1968, 22 min

Eingliederung eines fremden Mantelpavianweibchens und eines Anubisweibchens durch Mantelpavianmännchen in ihren Harem. Die zunächst im Käfig gehaltenen, später freigelassenen Weibchen werden durch Fortführversuche und verschiedene Formen des Drohens an das Männchen gebunden. Trotz fehlenden Haremssystems bei Anubis-Pavianen führt das aggressive Verhalten des Mantelpavianmännchens auch bei Anubisweibchen zur Eingliederung in den Harem. (IWF)

Hans Kummer & Walter Götz & Walter Angst „Anpassung eines Anubis-Weibchens an das Haremssystem der Mantelpaviane“, 1968

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